Sidecar: Amigas flotter Beiwagen

Die ganze Palette an MS-DOS-Software kann der Amiga mit einer neuen Hardware-Erweiterung nutzen und nebenbei noch eigene Programme betreiben.

Sidecar nennt sich eine Hardware-Erweiterung, die den Amiga zu einem vollwertigen MS-DOS-Computer macht. Dem Amiga eröffnet sich damit eine schier unerschöpfliche Softwarequelle.

Es braucht erfahrungsgemäß immer seine Zeit, bis gute Software für einen neuen Computer in reicher Auswahl verfügbar ist. Die Entwicklung solch komplexer Programme wie Textverarbeitung oder Datenbank dauert aber nicht nur sehr lange, sondern ist zudem mit einem gewissen Risiko verbunden. Wird sich der Computer durchsetzen oder nicht? Lohnt sich der Aufwand an Zeit und Geld? Die Konsequenz dieser Überlegungen ist, daß der Anwender in der Anlaufphase seines Computers kaum auf vernünftige Software zugreifen kann. Wer sich aber zum Kauf eines weitverbreiteten Computers entschließt, bekommt nicht nur ein großes Softwareangebot, sondern leider meist auch eine veraltete Technik.

Computer zum Anstecken

Dieses Problem löst Commodore beim Amiga mit einem Zusatzgerät, das diesen in einen echten MS-DOS-Computer verwandelt. Die Erweiterung wird, wie der Arbeitstitel »Sidecar« (Beiwagen) schon erahnen läßt, einfach an den Amiga angekoppelt. Dem Anwender stehen damit sowohl die Software und moderne Technologie des Amiga als auch die unüberschaubare Palette an MS-DOS-Program-men zur Verfügung. Wer will, kann sogar mehrere Amiga-Programme und MS-DOS-Software gleichzeitig laufen lassen.


In dem Kästchen steckt ein richtiger Personal Computer

»Sidecar« besteht aus einem Gehäuse im Amiga-Design, in dem zwei Platinen und ein 5!4-Zoll-Laufwerk Platz finden. Die Hauptplatine enthält den mit 4,77 MHz getakteten 8088-Prozessor von Intel, der auch im IBM-PC verwendet wird. Weiterhin ist ein Sockel für den Arithmetik-Coprozessor 8087 vorhanden. Dieser Arithmetik-Chip ist spezialisiert auf schnelle Fließkomma-Berechnungen und entlastet den Hauptprozessor bei zeitraubenden Rechenoperationen. Der Amiga kann auch selbst, wenngleich auf Umwegen über die »Sidecar«-Schnittstelle, auf diesen Coprozessor bei aufwendigen Rechenaufgaben zugreifen. Die Frage ist nur, ob man unter Berücksichtigung des Interfaces dann noch einen Geschwindigkeitsgewinn erzielt.

Die Hauptplatine ist in der Grundausstattung mit 256 KByte RAM bestückt. Dieser Speicher kann intern noch durch Einsetzen von acht 256-KBit-Chips in die dafür vorgesehenen Sockel auf 512 KByte erhöht werden, was für die meisten Anwendungen mehr als genug sein dürfte. Das Gesamtkonzept ist an den Commodore PC 10 angelehnt, wobei man vor allem bei den Platinen auf möglichst geringen Platzbedarf geachtet hat.

Sehr nützlich sind drei Steckplätze. die Platz für IBM-kompatible Steckkarten der vollen Baulänge bieten. Besonders reizvoll ist sicherlich der Einsatz einer Festplatten-Karte, da bei entsprechender Software-Unterstützung nicht nur »Sidecar«, sondern auch der Amiga selbst auf die Festplatte Zugriff hat. Beide Computer können dann auf für sie reservierte Teilbereiche des Festplatten-Speichers zugreifen.

Der Floppy-Controller ist auf die Ansteuerung von maximal zwei Diskettenstationen ausgelegt. Ein 5,25-Zoll-Laufwerk mit 360 KByte Speicherkapazität (formatiert) ist bereits in die »Sidecar«-Box eingebaut. Eine Schnittstelle dient zum Anschluß eines externen Zweitlaufwerks der gleichen Kapazität, das dann keinen eigenen Controller mehr benötigt. Die Laufwerke lesen und schreiben im Standard-IBM-Format.

Heißer Draht von Port zu Port

Wie man sieht, ist »Sidecar« ein eigenständiger Computer, dem nur noch Bildschirm und Tastatur fehlen, um mit seiner Umwelt in Verbindung zu treten. Hier nun wird der Amiga aktiv und übernimmt diese Ein-/Ausgabefunktionen. Was auf seiner Tastatur eingegeben wird, leitet er an »Sidecar« weiter; die Bildschirmausgaben holt sich der Amiga von »Sidecar« und gibt sie auf seinem Monitor aus.

Der Datenaustausch zwischen dem 68000er-System Amiga und der MS-DOS-Erweiterung erfolgt über ein spezielles Interface in »Sidecar«. Bei dem Interface handelt es sich um eine Entwicklung von Commodore Braunschweig in Zusammenarbeit mit internationalen Commodore-Fachleuten. Das Interface überträgt interruptgesteuert die Tastatur-Eingaben zum 8088-Computer und die Bildschirmdaten zum Amiga. »Sidecar« kann ferner die seriellen und parallelen Forts des Amiga ansprechen und somit den Drucker steuern, der dort angeschlossen ist, ebenso wie es dem Amiga über das Interface möglich ist, auf Teile des »Sidecar«-Systems zuzugreifen.


»Sidecar«-Innenansicht mit Diskettenlaufwerk und Netzteil

»Sidecar« wird rechts an den Amiga angesteckt und ist dadurch mit dem Expansions-Fort und den Maus-/Joystickanschlüssen verbunden. Maus und Joystick finden ihre neue Verbindung an der »Sidecar«-Vorderseite. Leider ist der Expansions-Fort nicht durchgeschleift, was bedeutet, daß andere Erweiterungen bestenfalls zwischen Amiga und »Sidecar« eingesetzt werden können. Das Manko wird durch die Tatsache etwas gemildert, daß man mit »Sidecar« den RAM-Speicher des Amiga bis zu 2 MByte aufrüsten kann und deshalb vermutlich nicht so schnell eine weitere externe Speichererweiterung benötigt.

Verwandlungskünstler Amiga

Nach der Verbindung mit »Sidecar« arbeitet der Amiga zunächst wie gewohnt. Zum Betrieb des MS-DOS-Systems legt man eine spezielle Workbench-Diskette ein, auf der sich zwei Programme zur Ansteuerung des »Sidecar« befinden. Das eine Programm emuliert eine monochrome Bildschirmdarstellung, das andere dient zur Farbgrafik-Ausgabe. Der Amiga verhält sich also bei der Bildausgabe entweder wie ein Monochrom-Monitor oder stellt für den »Sidecar«-Computer auf Wunsch einen Farbmonitor mit Farbgrafik-Karte dar.


Diese drei Anschlüsse verbinden den Amiga mit »Sidecar«

Nach dem Laden eröffnen beide Varianten ein Fenster auf einem eigenen Amiga-Screen, in dem alle Bildinformationen des »Sidecar« ausgegeben werden. Die Amiga-Screens sind eine Spezialität des Amiga-Grafiksystems. Jeder Screen verfügt über eine eigene Farbpalette und eine von anderen Screens unabhängige Grafikauflösung. Durch einfaches Ziehen mit der Maus lassen sich Screens beliebig weit nach unten wegschieben, um eventuell darunterliegende Screens sichtbar zu machen. Mit dieser Methode räumt man dem MS-DOS-Screen soviel Platz ein, wie man gerade benötigt.

Das Fenster läßt sich beliebig auf dem Bildschirm verschieben und in der Größe verändern. Ein Pull-down-Menü erlaubt das Unterdrücken des Fenster-Randes, was den Eindruck eines »echten« MS-DOS-Systems noch verstärkt. wenn das Fenster den gesamten Bildschirm ausfüllt.

Für den Amiga ist der Datenaustausch mit »Sidecar« und die Ausgabe der Bildinformation eine eigene Aufgabe, also ein weiterer »Task« in seinem Multitasking-Betriebssystem.

Wer darf zuerst?

Multitasking bedeutet, daß der Computer mehrere Aufgaben scheinbar gleichzeitig bearbeiten kann. Jeder Task hat einen bestimmten Stellenwert, der angibt, wie häufig sich der Prozessor dieser speziellen Aufgabe widmen soll. Je höher die Priorität eines Tasks, desto schneller läuft das jeweilige Programm ab.

In einem weiteren Pull-down-Menü bestimmt man die Priorität des »Sidecar«-Tasks. Doch selbst beim niedrigsten Stellenwert ist nur eine geringfügige Verlangsamung der Bildschirmausgabe festzustellen. Die Ablaufgeschwindigkeit der MS-DOS-Software wird durch diese Einstellung nicht beeinflußt, solange das Programm nicht auf allzu zeitaufwendige Bildschirmausgaben warten muß.

Das Amiga-/»Sidecar«-Gespann ist nach dem Laden von MS-DOS 2.11 bereit für jedes Programm, das mit diesem Betriebssystem läuft. Egal ob Wordstar oder der Flugsimulator von Microsoft, ob monochrom oder Farbe — die gesamte Software für IBM-kompatible Computer wird ohne die geringsten Probleme verarbeitet.

»Kompatibilitätsprobleme« scheint für »Sidecar« jedenfalls ein Fremdwort zu sein. Auf der MS-DOS-Seite sorgt ein ausgereiftes und erprobtes Hardware-Konzept für optimale Kompatibilität, auf der Softwareseite ein ausgeklügeltes Emulationsprogramm, das sämtliche Text- und Grafikvarianten der MS-DOS-Computer unterstützt.

Benchmarktests ergaben, daß »Sidecar« bei der Programmausführung mindestens genauso schnell, bei Bildschirmausgaben sogar noch schneller als ein normaler MS-DOS-Personal Computer ist, da der Amiga diese Arbeit übernimmt.

Ein Programm ist nicht genug

Die Grundversion des Amiga verfügt leider nur über 256 KByte RAM. Der Speicherplatzbedarf beim Betrieb von »Sidecar« ist. bedingt durch Treibersoftware, gemeinsamen Speicherbereich und Bildschirmspeicher jedoch so hoch, daß man das Modul gerade noch betreiben kann.

Interessant wird die Arbeit mit »Sidecar« eigentlich erst mit 512 KByte Speicher. Dann ist der Amiga nicht nur in der Lage, die MS-DOS-Erweiterung optimal zu verwalten, sondern kann auch parallel dazu eigene Programme dank Multitasking-Betriebssystem ablaufen lassen. Bei genügend Speicher ist es kein Problem, einige Uhren, Grafikdemos oder Spiele zusammen mit MS-DOS-Software zu betreiben. Lediglich die Ausgabe im MS-DOS-Fenster wird durch gleichzeitig laufende Amiga-Programme etwas verlangsamt, nicht jedoch die »Sidecar«-Rechengeschwindigkeit. Wie wär’s denn zum Beispiel mit Wordstar und einem Amiga-Spielchen zur Entspannung? Durch Ändern der Fenstergröße oder Herabziehen der verschiedenen Amiga-Screens stellt man jedem Programm einen gewissen Platz auf dem Bildschirm zur Verfügung.


Qualität hat ihren Preis

»Sidecar« wird ab Herbst dieses Jahres erhältlich und voraussichtlich rund 2000 Mark teuer sein. Ein Preis, über den man im Hinblick auf die vielen günstigen IBM-Kompatiblen vielleicht noch nachdenken sollte.

»Sidecar« ist eine vielseitige und gut durchdachte Erweiterung, da bei einem Umstieg von MS-DOS-Computern auf den Amiga die gesamte Software weiterverwendet werden kann. Sowohl die Hardware- als auch die Softwareseite ist mit Bravour gelöst, Kompatibilität und Geschwindigkeit überzeugen auf jeden Fall. Dies sind sehr gute Voraussetzungen für einen Erfolg des gut aufeinander eingespielten Teams Amiga/»Sidecar«. (ts)


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