Sturm auf Atari

Im Gespräch: Sigmund Hartmann (links im Bild), Shiraz Shivji (Mitte) und unser Redakteur Werner Breuer

Ging es auf der Systems bei so manch einem Stand recht ruhig zu, konnte sich Atari in dieser Hinsicht keineswegs beklagen. Atari wurde regelrecht belagert.

Montag den 28.10.85, 9:00 Uhr. Mit Pauken und Trompeten kündigt sich Atari im wahrsten Sinne des Wortes auf der Systems, der größten Computer Messe Europas, an. Ein sehr sinnvoller Auftakt zur Messe, denn leider war der Atari-Stand in Halle 22 ein wenig versteckt. Aber lange dauerte es dennoch nicht, bis der Stand von Dutzenden Computer-Fans belagert war. Jeder suchte nach Neuigkeiten. Nach brandneuer Hard- und Software. Den erwartungsvollen Besuchern konnte Atari dann auch Erstaunliches bieten: Den neuen Atari 520 ST+ mit 1-MByte-RAM, angeschlossen an den SC 1224-Farbmonitor. Endlich durften die Flaggschiffe von Atari ihre hervorragenden Grafikfähigkeiten in voller Pracht zeigen. So liefen auf einigen Computern Farbdemos, auf anderen wiederum die neuesten Grafikprogramme, die ebenfalls Farbe unterstützen. Beispielsweise das Programm »Neochrom«, das gleichzeitig bis zu 16 Farbabstufungen auf dem Bildschirm darstellen kann. Sämtliche Funktionen sind mit der Maus anwählbar. Als Besonderheit kann ein Bild mit durchlaufenden Farben dargestellt werden, so daß ein wirkungsvoller Bewegungseffekt entsteht. Für »Neochrom« wird ein Farbmonitor vorausgesetzt. Da »GEM-Draw« immer noch nicht lieferbar ist, stellt Atari zunächst das Zeichenprogramm »Neochrom« kostenlos zur Verfügung. Sicher ist es nicht so leistungsfähig wie »GEM-Draw«, aber es ist trotzdem eine attraktive Alternative. Das Bildschirmbild auf der rechten Seite zeigt ein Beispiel von »Neochrom« mit eingeblendetem Menü.

Einen besonderen Leckerbissen stellte das englische Softwarehaus Kuma vor. Eine Vorabversion einer mausorientierten Tabellenkalkulation, die in Deutschland für etwa 200 Mark zu kaufen sein wird. Das Programm wird spätestens im Dezember dieses Jahres in der endgültigen Version vorliegen. Vom gleichen Softwarehaus stammt noch ein Assembler, der ebenfalls sehr preiswert sein wird.

Ein hervorragendes Textverarbeitungsprogramm zeigte GST, wie Kuma ein englisches Softwarehaus. Das Programm ist vollkommen mausgesteuert und an die Benutzeroberfläche GEM angepaßt. Eine Vielzahl von Funktionen lassen sich per Pull-Down-Fenster anwählen. Man kann mit verschiedenen Zeichensätzen, unterschiedlichen Schriftgrößen und Schriftarten arbeiten, die auch unmittelbar auf dem Bildschirm dargestellt werden. Die Wiedergabe auf einem Drucker erfolgt in der auf dem Bildschirm dargestellten Form.

Schnelles »C«

Weiterhin zeigte GST noch einen Macro-Assembler, sowie einen C-Compiler. Der Macro-Assembler zeichnet sich durch strukturierte Programmierung aus. So werden Befehle wie IF, WHILE, FOR, REPEAT und CASE ermöglicht, wie man sie beispielsweise von Pascal her kennt. Der separate bildschirmorientierte Texteditor übertrifft vom Bedienungskomfort her sämtliche gleichartigen, derzeit erhältlichen Produkte. Der Macro-Assembler kostet in England umgerechnet 160 Mark. Der C-Compiler, der übrigens mit einem Macro-Assembler und dem bereits erwähnten Editor ausgestattet ist, kostet in England umgerechnet etwa 240 Mark. Er zeichnet sich durch kürzere Compilierzeiten aus. Benötigt der C-Compiler von Atari mindestens zehn Minuten für das Umsetzen des Source-Codes in Maschinensprache, benötigt der C-Compiler von GST vergleichsweise nur etwa drei Minuten.

Auch für Musikfreunde wurde etwas geboten: Die erste Anwendung für die Midi-Schnittstelle. Ein an den ST angeschlossener Synthesizer gab sehr wohlklingende Töne von sich. Auf der Systems wurden allerdings nur einige Demos vorgeführt, da das Programm noch nicht fertig war. Mit der endgültigen Version ist dann bis zur Musikmesse 1986 zu rechnen.

Auch im Hardwarebereich hatte Atari einige Neuigkeiten aufzuweisen. Sehr interessant war die 5,25-Zoll-Festplatte mit insgesamt 20 MByte Speicherkapazität. Programme lassen sich von diesem Speichermedium in einem Bruchteil der für Diskettenlaufwerke üblichen Zeit laden. Allerdings handelte es sich auch hierbei noch nicht um die Version, die zum einem späteren Zeitpunkt im Handel erhältlich sein wird. Die gezeigte Festplatte ist in erster Linie für Software-Entwickler bestimmt, die mit umfangreichen Programmen arbeiten. Der Preis beträgt etwa 1000 Dollar.

Das schon lang erwartete CD-ROM war auf der Systems leider nicht zu sehen. Bisher fanden sich laut Atari noch keine Hardware-Hersteller, die zu dem geplanten niedrigen Preis liefern. Vor allem die aufwendige Mechanik hält den Preis hoch. Dieses Problem trifft übrigens auch für die Festplatte zu.

In einem Gespräch mit Sigmund Hartmann, Software President USA, Shiraz Shivji, dem Vater des ST und Vice President für Research and Development USA und Jim Tittsler von der Systems Group ebenfalls aus den USA, konnten wir mehr über geplante Objekte im Bereich Hard- und Software-Entwicklungen von Atari erfahren. Am interessantesten ist sicherlich die bereits funktionsfähige Grafikerweiterung für den ST. Hierbei handelt es sich um eine Erweiterung für den ST in Form einer zusätzlichen Platine. Der Einbau soll zudem noch recht einfach sein.

Der Hardware-Zusatz soll die Geschwindigkeit beim Aufbau und der Verwaltung des Bildschirms um das Fünf- bis 20fache beschleunigen. Über den Preis und wann der Zusatz erhältlich sein wird, war man sich zum Zeitpunkt der Systems noch nicht im klaren. Allerdings meinte Shiraz Shivji, daß die Erweiterung recht preiswert ausfalle. Noch zur Systems wurde er aus den USA über die erfolgreiche Fertigstellung des Grafikzusatzes informiert.

Neben der Verwendung für Festplatten und anderer schneller Speichermedien, wird im Laufe des nächsten Jahres der DMA-Port noch für weitere Aufgaben eingesetzt werden. In den amerikanischen Entwicklungslaboratorien von Atari ist nämlich zur Zeit eine Zusatzeinheit mit einem 32-Bit-Prozessor in Entwicklung. Dabei soll der Atari ST nicht nur als Eingabegerät dienen, sondern mit der Zusatzeinheit zusammen arbeiten. Als Preisziel hat sich Atari die Obergrenze von 1000 bis 1500 Dollar gesetzt. Somit würde diese Erweiterung, vom Preis her gesehen, durchaus noch im gehobenen Heimbereich Verwendung finden. Allerdings zielt Atari auf den professionellen Markt.

Auch für Schulen, Universitäten und Büros wird der ST besonders interessant. In den Entwicklungslabors sind noch zwei Netzwerk-Versionen in Arbeit, mit denen mehrere Atari ST-Computer miteinander verbunden werden können. Teure Peripheriegeräte lassen sich so gemeinsam nutzen. Mit dieser Lösung läßt sich also eine Menge Geld sparen. Die eine, preiswertere Netzwerk-Version wird die Midi-Anschlüsse nutzen. Die andere, etwas teurere Version nutzt die DMA-Schnittstelle. Sie ist allerdings erheblich schneller.

Wem 1 MByte RAM-Speicher nicht genügt, kann ab nächstes Jahr mit einer 8-MByte-Atari ST-Version rechnen. Diese Speicherriesen werden einfach mit zwei MMUs oder auch MCUs (Memory Control Unit) genannt, ausgerüstet sein. Übrigens sind die zur Zeit erhältlichen ST-Versionen auf maximal 4 MByte RAM ausbaubar, da sie nur über eine MCU verfügen.

Software nimmt nach wie vor einen sehr wichtigen Stellenwert bei Atari ein. Denn die Hardware steht und fällt mit der Software. So unterstützt Atari zwar Softwarehäuser, sei es aus technischer oder finanzieller Sicht. Es wird aber sehr auf die Qualität geachtet, denn nur Programme, die gut umgesetzt und natürlich den Anforderungen der Benutzer entsprechen, fördern das Image eines Computers. Atari selbst wird keine Software vertreiben.

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Zeichenprogramm »Neochrom«

So erwähnte Sigmund Hartmann auch einige sehr interessante Projekte, die sich zur Zeit in Entwicklung befinden. Ein englisches Softwarehaus arbeitet derzeit an einem »Translator«, also einem Übersetzer, der MS-DOS-Programme auf 68000-Code umsetzt. Gelingt dieses Projekt (es hat allen Anschein), werden für den Atari ST auf einen Schlag einige hundert Programme lauffähig. Dabei muß man bedenken, daß MS-DOS-Programme bislang nur auf IBM-PCs und Kompatiblen laufen, die Prozessoren der 8088- und 8086-Familie besitzen.

Ebenfalls zum ST, aber für den professionellen Bereich, wird es bis zur Hannover-Messe 1986 das Betriebssystem »Unix« geben. »Unix« eignet sich hervorragend zur Verwaltung von großen Datenmengen. Auf eine Festplatte kann man dann allerdings nicht mehr verzichten. Da es bislang noch keine preiswerten, unixfähigen Computer gab — Unix wurde für den Motorola 68000-Prozessor entwickelt —, ist Software noch sehr teuer. Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß Atari auch in dieser Beziehung neue Maßstäbe setzt und ein »elitäres« Betriebssystem der breiten privaten Anwenderschaft zugänglich macht.

Schon lange warten ST-Besitzer ungeduldig auf das Betriebssystem im ROM. Jetzt scheint es aber endgültig soweit zu sein, denn in den USA sollen die ROMs ab Anfang November 1985 ausgeliefert werden. Zumindest wurde von Jack Tramiel dieser Termin vorgegeben. Im nachhinein hat es sich gezeigt, daß es eine gute Entscheidung war, das Betriebssystem zunächst auf Diskette zu liefern. So konnten mit relativ geringem Aufwand Änderungen vorgenommen werden, ohne stets die ROMs austauschen zu müssen. Was den deutschen Markt betrifft, ist mit der Auslieferung ab Anfang 1986 zu rechnen. Jeder, der einen ST ohne ROMs bezogen hat, kann sie dann nachträglich für etwa 100 bis 120 Mark beziehen. Dann entfallen endlich die langen Wartezeiten beim Booten des Betriebssystems. Somit scheinen auch die Probleme zwischen Apple und Digital Research aus der Welt geschafft zu sein. Bereits in Ausgabe 12/85 berichteten wir über den Konflikt zwischen den beiden Firmen, wobei es darum ging, daß Apple die Ähnlichkeit zwischen der Macintosh- und der GEM-Benutzeroberfläche monierte. Aber letztendlich hat sich doch noch alles dem Guten zugewandt. Übrigens bestätigte uns Sigmund Hartmann, daß es keinerlei Inkompatibilitäten zwischen der neuen und der alten Desktop-Version geben wird. Für Softwarehäuser sowie für die Anwender liegt also kein Grund zur Besorgnis vor. (wb)


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