Going to San Francisco: Zu Besuch bei der amerikanischen Atari-Zeitschrift ANTIC

Nach einem langen Fußmarsch durch San Francisco stehe ich vor einem alten Backsteinbau. Kann es sein, daß der Welt größte Atari-Zeitschrift statt in einem modernen Wolkenkratzer in dieser Bruchbude residiert? Nun, das Bild, das sich mir nach Öffnen der Eingangstür bietet, steht ganz im Gegensatz zur tristen Fassade. Schreibmaschinengetippe, Druckerrattern, moderne Einrichtung und ein bombastisches ANTIC-Logo als Neonleuchte über dem Empfang. Alte ANTIC-Cover und ein großes "Atari at the Olympics”-Banner zieren die Wände. Ein Zeitschriftenständer zeigt ANTICs Produktpalette. Sie umfaßt außerdem gleichnamigen Magazin noch STart (für die 16-Bit-Ata-ris) und II-Computing, das Informationen für die Apple-User enthält.

Nun werde ich in Gary Yost’s Büro gerufen. Gary Yost arbeitete früher als Toningenieur und hat mehrere bekannte Bands auf Tourneen begleitet. Auf seine Bitte hin wurde ihm in Ataris Frühphase eine Computeranlage geschenkt. Er begann, für Atari Software zu testen, wurde später an ANTIC vermittelt und begleitet dort seit 1983 den Posten eines Marketing Directors. Seine Aufgabe ist es, alle Programme, die ANTIC angeboten werden, genau zu prüfen, Verhandlungen mit den Programmierern zu führen und in der ganzen Welt die Rechte an interessanten Software-Neuheiten einzukaufen.

Beim Eintreten fällt mein Blick auf einen ST, dessen Monitor für diesen Rechner ungewöhnliche Dinge zeigt. Raumschiffe, Becher, Würfel und viele andere Gegenstände rotieren in bester 3-D-Manier auf dem Bildschirm. Keine Gittergrafik, sämtliche Flächen sind ausgefüllt. Man könnte fast meinen, einen AMIGA vor sich zu haben.

Auf meine Frage, ob hinter allem der neue Blitterchip steckt, winkt Gary ab. ANTICs neues CAD-Programm funktioniert auf Fractal-Basic und erlaubt so einen blitzschnellen Bildaufbau. Besitzer eines 8-Bit-Atari können diese Technik an den Lucas-film-Spielen beobachten. Gary kam gerade aus England zurück, wo er die Amerika-Rechte für ”Collossus-Chess”, ”Chop Suey”, "Timebandit” und anderes mehr erwarb.

Meine kurze Audienz bei Gary Yost ist beendet. Nun empfängt mich Nat Friedland, ein ehemaliger Billboard Musikjournalist, der den Posten des Chefeditors innehat. Er erzählt mir ANTICs Entstehungsgeschichte.

Sie begann damit, daß Jim Capareil, ein NASA-Programmierer, in Marin County, Cal., ABACUS gründete, eine der ersten Atari-User-Groups. Als die Fangemeinde mehr und mehr wuchs, faßte er 1982 den Beschluß, ein Atari-Magazin herauszugeben. Als Namen wählte er die Bezeichnung eines der Grafik-Chips des Computers. Als Redaktionssitz diente sein kleines Appartement in San Francisco. Obwohl blutige Laien im Zeitschriftengeschäft, fanden Jim und seine Mitarbeiter aufgrund der in ganz Amerika herrschenden Computer-Euphorie rege Unterstützung. Zu den ersten Inserenten zählten kleine Firmen wie Synapse, Broderbund und Sierra Ön-Line. Der Riese Atari nahm noch wenig Notiz von ANTIC. Die erste Auflage betrug bescheidene 13.000 Exemplare.

Unscheinbar nur von außen: Das ANTIC-Domizil in San Francisco

1983 zog die Redaktion um. Sie residierte jetzt über einer zwielichtigen Bar im Hafenviertel von San Francisco. Auch der neue Chefeditor stammte aus der Schiffsbranche, bestellte auf Kosten von ANTIC Schiffsmodelle, trank viel und wurde bald vor die Tür gesetzt. Ende 1983 umfaßte das Magazin 148 Seiten, und die Auflage stieg schnell.

Anfang 1984 folgte der nächste Umzug, nun in eine alte Kleiderfabrik, den heutigen Standort. Mitte desselben Jahres kaufte Jack Tramiel die fast bankrotte Firma Atari. Auch an ANTIC ging die Computerrezession nicht spurlos vorbei. Um das Magazin attraktiver zu machen, beschloß man einige Neuerungen. So konnten die Leser jetzt sämtliche Programme eines Heftes auf Diskette erhalten (heute bei uns selbstverständlich). Durch ANTIC ON-LINE wurde es für jeden Interessierten möglich, die neuesten Nachrichten aus der Computerbranche, Tips und Tricks via Modem frei Haus auf den Bildschirm zu bekommen. Im Worldwide Users Network (WUN) wurde der Informationsaustausch zwischen User-Groups in aller Welt gefördert.

Nachdem sich Atari aus dem Software-Geschäft zurückgezogen hatten, übernahm ANTIC den Atari Program Exchange (APX) und baute ihn weiter aus. Heute vertreibt ANTIC die genannten drei Magazine, ca. 250 Programme, unterstützt 350 User-Groups und hat weltweit etwa 150.000 Leser.

Ich bedanke mich bei Nat und sehe mich noch ein wenig in der Redaktion um. Nahezu alle veröffentlichten Atari-Programme sind hier vertreten. Ein paar Neuheiten befinden sich im Test. "Worldchampionship Karate” von Epyx (bei uns "International Karate”), ein neues Textverarbeitungsprogramm, das laut Tester selbst "Paperclip” in den Schatten stellt, und "Cardiac Arrest”, ein Lernprogramm für Mediziner, finden den Beifall der Redaktion.

Ein letzter Abstecher gilt AN-TICs hauseigener Software-Abteilung. Am Anfang stand hier der Vertrieb von Public-Domain-Sofware (Programme, für die der Autor kein Copyright beansprucht und die beliebig kopiert werden dürfen). Später füllten Produkte den Katalog, die sonst niemand vertreiben wollte, weil sie nur für Spezialisten gedacht waren oder an der Grenze Profi-/ Amateur-Software lagen. Manche dieser Programme kamen später zu Ruhm, wie z.B. "Dandy Dungeon”, das die Vorlage für den Hit "Gauntlet” bildete. Auch viele heute bekannte Programmierer wie Stan Ockers, Chris Crawford oder Russ Wet-more taten hier ihre ersten Schritte.

Der Katalog bietet für jeden etwas. Er enthält eine Reihe von Strategiespielen, ein C-System, Musik- und Malprogramme sowie viele Utilities, die andere Software wie z.B. den "Printshop” ergänzen. Die ST-Sparte bringt dem europäischen User wenig Neues. Hier findet man "Timebandit”, "Ultima II” und ”CAD 3D”, um ein paar Namen zu nennen.

Auf einige Programme möchte ich hier näher eingehen. "Earthviews” ist eine Weltkarte im Computerformat. Mit dem Cursor kann man die Welt durchstreifen, wobei der Computer immer den Namen der Gegend nennt, in der man sich befindet. Bei der Direkteingabe von Städten, Flüssen usw. zeigt der Rechner den jeweiligen Ort auf der Karte. Meine Heimatstadt Fürth ist leider im Speicher nicht enthalten, wohl aber die Nachbarstadt Nürnberg (hier natürlich: Nuremberg). Verschiedene Kartendarstellungen sowie ein rotierender Globus sind möglich. Wer glaubt, in Geographie fit zu sein, darf in einem kleinen Spiel seine Kenntnisse testen. Besitzer eines Atari-Cassettenrecorders können ihre Weltreise musikalisch unterlegen.

”Space-Base” führt in den Weltraum. Auf der scrollenden Sternenkarte läßt sich mit dem Cursor nahezu jeder größere Stern anwählen. Per Knopfdruck erhält man wichtige Daten und ein Hertzsprung-Russell-Diagramm. Dieses Programm wird Hobby-Astronomen erfreuen.

Spielerisch geht es beim "King Tut’s Tomb Construction Set” zu. Hier durchforscht man als Schatzsucher dunkle Grüfte, immer auf der Flucht vor deren gefährlichen Bewohnern. Das Ganze stellt eine gelungene Umsetzung des Arcade-Spiels "Tutenkham” dar (schlägt die Parkerversion um Längen).

Weitere ANTIC-Programme werde ich demnächst im ATARI magazin ausführlich besprechen.

Freundlicher Empfang bei der größten Atari-Zeitschrift der USA

Nun möchte ich noch ein paar Public-Domain-Schmankerl von ANTIC vorstellen. "DOS 4.0” besitzt einen ähnlichen Aufbau wie "DOS 2.0”, ist aber viel schneller, unterstützt single, enhanced and real double density und enthält viele Extras. Eine gute Dokumentation auf der Diskette erläutert sämtliche Funktionen. "DOS 4.0” wurde von Atari für viel Geld entwickelt, kam aber nie auf den Markt. Der Autor Michael Barall erhielt die Rechte zurück und beschloß, sein Werk allen Atari-Fans zur Verfügung zu stellen.

Die ”ANTIC-Games-Disk #1” bietet eine Fülle von älteren Basic-Spielen, die zum Teil in ANTIC veröffentlicht wurden. Darunter befinden sich Stan Okkers "Chicken” und Klassiker wie "Hangman” und "Lunar-Lander”.

Wer an diesen beiden Public-Domain-Programmen interessiert ist, kann sie von mir erhalten. Dazu überweisen Sie bitte 10 DM auf das Konto Nr. 1302918909 der Noris Bank Fürth, Bankleitzahl 76020400. Alle Leser, die den ANTIC-Katalog haben möchten, schreiben bitte an ANTIC Customer Service, 524 Second St., San Francisco, CA 94107, USA.

Der Katalog liegt auch jeder ANTIC-Ausgabe bei. Das Magazin ist in vielen Bahnhofsbuchhandlungen, bei Montanus oder diversen Software-Handlungen (z.B. Compy-Shop) erhältlich. Compy-Shop wird eventuell auch demnächst ANTIC-Software anbieten. Bei Fragen schreiben Sie bitte an die Redaktion des ATARI magazins.
Frank Emmert


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